Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Selbstkritisches zur #134 – der 'Ultra-Ausgabe'

Informieren, Austauschen und Diskutieren

FC Lampedusa – 5 Years FCLSP

Neues von den Alten



Selbstkritisches zur
#134 – der 'Ultra-Ausgabe'

Ja, haben wir verkackt. Das Thema ist wichtig und richtig, das haben auch die Ereignisse rund ums Derby gezeigt. Aber so halbherzig, wie wir damit umgegangen sind, haben wir der Sache einen Bärendienst erwiesen: Es fiel schwer, mit dem von uns Dargebotenen eine unaufgeregte und konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema anzuschieben.

Klar, es lag nicht alles in unserer Hand, denn bei der Heftproduktion ging ein bisschen arg viel schief. Doch tatsächlich haben wir nicht die Notbremse gezogen, sondern sind mit der halben Sache erschienen:
• einem Cover, das unnötig reißerisch daherkam,
• einem Titelspruch, der Erwartungen weckte, die nicht eingelöst wurden,
• einem Leserbrief, den wir unkommentiert abdruckten,
• einem Kommentar, der die Brisanz der Ereignisse in Bielefeld schlicht unterschätzte,
• und einer einordnenden Umrahmung, die völlig fehlte.

Die Quittung kam prompt und von allen Seiten, wenn auch unterschiedlich differenziert. Den Schuh, dass wir blauäugig und unangemessen eine so gewichtige Thematik angegangen sind, ziehen wir uns an und können uns nur entschuldigen bei allen, die von uns eine gründliche Herangehensweise erwartet hatten. Daher schauen wir im Folgenden nun auf die einzelnen Kritikpunkte, erläutern unsere Intention und nehmen Stellung zu dem einen oder anderen Anwurf.

Das Cover

Die Bilder der Derbychoreo der Ultras im Volkspark waren einfach zu gut, um sie nicht zu benutzen. Sie waren schlicht eindrucksvoll. Höchstwahrscheinlich war das auch das Ziel der Choreo. Natürlich wollten wir ein Cover haben, welches Aufmerksamkeit erregt. Der Gedanke, dass uns das Cover als Sensationsgeilheit und Clickbaiting ausgelegt würde, kam uns gar nicht.

„Wir müssen reden“ war der Titel, mit dem wir kurz vor Layoutende leben konnten. „Wir müssen reden“ war da auch passend, denn wir hatten noch nicht geredet und wollten die Diskussion damit anschieben. Eine Pyrokritik war damit im Übrigen auch nicht beabsichtigt. Was wir uns vorwerfen lassen müssen ist, dass wir mit dem Cover Erwartungen geweckt haben, die wir dann inhaltlich nicht erfüllen konnten.

Das Vorwort

Das Vorwort wird, um möglichst aktuell zu sein, i.d.R. immer ganz zum Schluss, am Ende des Layoutvorgangs geschrieben. Aktuell war zu dem Zeitpunkt, dass ein zentraler Beitrag zu USP nicht mehr kommen würde. Wie sind wir also damit umgegangen? Das Thema ganz streichen und innerhalb drei – vier Tagen ein neues Cover und neue Artikel finden? Aufgrund des Zeitmangels und der Layoutsituation nicht wirklich möglich. Heft ganz ausfallen lassen? Wir hatten ja abgesehen von den Beiträgen mit Ultrabezug doch interessante und schöne Artikel und Interviews und es schien nicht akzeptabel, diese aufgrund des verkorksten Ultrathemas zu begraben. Auch ein Herüberretten über die Winterpause wäre ihnen gegenüber nicht gerecht gewesen. Dachten wir. Heute denken wir anders.

Wir beschlossen also, es durchzuziehen und einen einleitenden, einordneten Text dazu zu schreiben. Und dann geschah das nächste Missverständnis. Der einrahmende Text wich einem persönlichen Kommentar von //kurzpass zu ihren Erlebnissen beim Auswärtsspiel in Bielefeld. Das war der Vorwortschreiberin //rakete nur nicht so ganz klar, während //kurzpass wiederum davon ausging, dass das Vorwort die Artikel in den richtigen Rahmen setzen würde. Ihr kennt das. Murphys Gesetz. Wenn es schief läuft, dann richtig.

Nun also. Das Vorwort. Es ist zu kurz, um dem Thema gerecht zu werden. Es hat versucht, den Wunsch zu erklären, weswegen überhaupt geredet werden müsste. Es hat dazu oberflächlich ein paar Vorkommnisse angerissen. Es hat eins nicht geschafft: bei diesem absoluten Triggerthema sensibel genug ein-zuführen, sodass bei vielen Leser*innen direkt nur eins hängen geblieben ist: Bashing. Auf die angerissenen Vorkommnisse wurde in Kritiken gar nicht eingegangen. Ebenso wenig auf den Wunsch nach Dialog. Aber dazu unten mehr.

Ultrà Sankt Pauli vs. "die normale Gegengeradenbesucherin"

Wohl am meisten fehlinterpretiert wurde dieser persönliche Kommentar. Schon der Titel sorgte zu Recht für Verwirrung, denn es schien als wolle die Autorin hier für alle Gegengeradesteher*innen sprechen – und auch noch bestimmen, wer da ‚normal‘ sei. Der Ausdruck kam aber gar nicht von ihr, sondern war ein Zitat von USP (Christian) selber aus der Millernton-Folge 058, in der die Fans der Gegengerade verallgemeinert wurden (und dass man ihrer Meinung zu USP-Aktionen wenig Bedeutung beimäße). Hier wäre wichtig gewesen, das mindestens in einer Fußnote zu verdeutlichen, auch um welche Sendung und bestenfalls um welche Sendeminute es sich handelte.

Dann kam wohl zu wenig zum Ausdruck, dass es sich NICHT um einen Artikel über die Vorkommnisse AM Bahnhof handelt, sondern einen persönlichen Erfahrungsbericht über die Situation IM Stadion WÄHREND die Lage am Bahnhof vollkommen unklar war, man aber sofort zu blinder Solidarität aufgerufen wurde, und das im Befehlston. Und dass diese Art der Einforderung eben nicht OK ist, wenn sie nur in eine Richtung funktioniert: Es wird von Leuten, deren Meinung einem explizit egal ist, blinde Solidarität eingefordert. Viele lasen daraus einen grundsätzlichen Unwillen, sich zu solidarisieren weil man sich lieber über das Konzert der letzten Woche unterhalten wolle. Das ist schade, wir haben unterschätzt, dass man bei diesem Thema nicht sorgfältig und genau genug formulieren kann und muss, um solche wilden Interpretationen zu vermeiden. Und wie auch beim folgenden Thema fehlte vor allem eine rahmende Einordnung.

Der Leserbrief

Dieser war im Grunde die Initialzündung, sich des Themas nun doch anzunehmen. Weil wir das für wichtig genug befanden, veröffentlicht zu werden. Wir müssen das aushalten können zu diskutieren, dass es Leute in unserer Ultra-Szene gibt, die sich und ihre Aktionen nicht nur völlig selbstverständlich über die anderer Fans stellen, sondern dies leider auf zwischenmenschlich äußerst rüde Art durchsetzen wollen. Am Leserbrief gibt es eigentlich nix zu mäkeln, es ist ein Leserbrief, der eine persönliche Erfahrung schildert. Nur fehlte auch hier wieder die Einordnung, stattdessen landete er unkommentiert im Heft.

Der Artikel mit Dieter Bänisch

Haben wir uns ausreichend Gedanken gemacht, inwiefern D. Bänisch da der passende Gesprächspartner oder Experte für das Thema ist? Wäre nicht der Fanladen oder der neue Geschäftsführer Jugend und Sport richtiger gewesen? Oder der Fanclubsprecherrat? Nun, der Vorteil bei D. Bänisch war ein bestechender: Er hatte keine Neutralitätsverpflichtung und konnte freier reden. Der Fanladen ist ein Schutzraum und darf und soll sich natürlich auch nicht über andere Fangruppierungen äußern. Und D. Bänisch hat als ex-Geschäftsführer immerhin 27 Jahre Erfahrungen mit diversen Fangruppen des FCSP gemacht und schließlich ist der Verein Jugend und Sport e.V. Träger des Fanladens. Doch auch hier wieder: Es fehlte, dass der Artikel kommentiert eingeordnet wurde.

Fazit

Ja, wir hatten mit unserem Thema eigentlich den richtigen Riecher (nach dem Derby war wohl der häufigst zu lesende Satz ‚Wir müssen reden‘ und zu unserem Bedauern: Ja, wir haben uns ohne Frage teilweise unprofessionell angestellt. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Übersteiger nun mal zum ganz großen Teil von Menschen bespielt wird, die sich ehrenamtlich neben ihrem Berufs- und Familienleben, neben ihrem Alltag, ihren privaten Problemen, ihren Hobbys, ihrem Gesundheitszustand etc. den Arsch aufreißen um euch trotz aller Hindernisse ein möglichst interessantes Heft zu erarbeiten. Unsere Crew wird stetig kleiner, die Aufgaben darum für die Verbliebenen immer umfangreicher und unübersichtlicher und wir sind ehrlich an einem Punkt, den man kollektives Burnout nennen kann. Das soll aber keine Entschuldigung sein. Fehler wurden gemacht. Punkt.

Wir hoffen, das passiert uns so nicht nochmal. Wir sind darum froh, dass es außer uns noch andere FC St. Pauli-nahen Medien wie diverse Blogs, Foren, Facebookgruppen, Twitterseiten und besonders den Millernton gibt, die informieren und für einen aktuelleren Austausch sorgen können. Wir maßen uns nicht an, immer und überall meinungsbildend sein zu wollen oder zu können und wir halten uns nicht für das relevanteste Medium im St.Pauli Universum (- obwohl sich dies mit dem Präsi-Zitat im Impressum beißt...), dazu sind wir zurzeit schlichtweg zu wenige. Auch beanspruchen wir für uns nicht, zu beurteilen, was St.Pauli ist und was nicht. Wir fassen den Begriff ‚Aktive St.Pauli Fans‘ sicher auch weiter als manch andere und versuchen deswegen u.a. auch die größere, aber ‚passivere‘ und weniger sicht- und hörbare Fanschaft anzusprechen, und auch zu hören.

Zum Glück sind wir also nicht allein und wir finden, all die anderen Angebote ergänzen sich zu unserem ganz wunderbar. Wie auch immer es mit uns weitergeht, wir werden weiter versuchen unser Bestes zu geben und auch unbequeme Sachen anzusprechen (und das geschickter anzustellen) und ein Sprachrohr für möglichst viele zu sein.

In diesem Sinne,
aufrechte Grüße und bleibt uns wohlgesonnen!

< nach oben >